magdalena frey: denke::fühle
von robert clark
prolog:
betrachtern
dieser sammlung wird auffallen, dass viele der bilder mit adobe
photoshop und anderen für photographie relevanten pc-tools
bearbeitet wurden. warum ich das anspreche? ganz einfach weil ein
teil des publikums das werks nicht als PHOTOGRAPHIE sondern DIGITALES
BILD sehen wird, so als ob die anwendung von technologien die
abbildung verfälschen würde. ich bin jedoch der meinung,
dass diese art von bildern ausgereifte photographische kunstwerke
sind. man ray hat oft seine bilder manipuliert, um eine
visuelle aussagekraft herauszuarbeiten; photographen, die heute mit
photoshop und aperture arbeiten, sollten nicht als
tüftler hingestellt werden, bloß weil sie die technologien
ihrer zeit nutzen. einst galt die verwendung von zoomobjektiven und
großen blendweiten (man denke an kubrick: barry lyndon,
den cinematographen john alcott) als revolutionär,
und dennoch wurde sie als legitime pionierarbeit im umgang mit
photographischen werkzeugen verstanden. wenn es um photoshop geht,
wird die verwendung eines werkzeugs oft als betrügerei
angesehen. diesen unsinn lehne ich vehement ab. ES IST
NICHTS ANDERES ALS EIN WERKZEUG. und ehrlich gesagt wesentlich
schwieriger zu handhaben als jedes zoomobjektiv. magdalena frey
verwendet photoshop und viele andere werkzeuge. das ist
schlichtweg ein fakt. aber das ist nichts anderes als gregg toland,
als er in citizen kane und the best years of our lives
schnelle objektive verwendete. das ist genau das gleiche. eine
künstlerin braucht geschick und können, um neue
technologien anzuwenden. also beenden wir diese unsinnige
photoshop-debatte ein für alle mal. es ist ein foto. am
beginn steht ein foto.
teil eins: heidegger, aus der erfahrung des denkens
wenn
der wind, rasch umsetzend,
im gebälk der hütte murrt
und das wetter verdrießlich werden will...
drei gefahren drohen dem denken.
1.
die gute und darum heilsame gefahr
ist die nachbarschaft des singenden
dichters.
photographie
ist poesie für die augen. sie ist eine pforte zum denken, durch
die man ohne grammatik und syntax kommt. daher ist es einfacher sich
über geschriebenes mitzuteilen, und darüber erwägungen
ziehen. und hier liegt das problem mit der poesie: wir vergessen die
worte und summieren, was wir glauben, gehört zu haben, anstatt
sie als gesamtheit zu verdauen. der "singende dichter" ist
das problem. carl sandburg ist ein beispiel. in der photographie
hingegen gibt es weder einen anfang noch ein ende, nur die
wahrhaftigkeit des gesehen. heidegger warnt uns: die linearität
der sprachlichen dichtung, das richtunggebende kommando in walt
whitmans oh captain, my captain, verlangt nach einem denken
ohne phänomenologischen verbindung.
genau so ist es mit freys fotos. da gibt es keinen anfang, an dem man
sich festhalten könnte, und schon gar kein ende zum ausruhen.
bei frey gibt es nur das mittendrin, und es gilt einen weg in die
tiefere bedeutung des bilds finden, um die gesamtheit zu begreifen.
aber mit denken ist da nichts zu machen, und auch nicht mit der
"nachbarschaft des singenden dichters". für frey
braucht man eine pforte, die genau in die mitte des themas führt,
und das fordert der betrachterin eine meinung zu anfang und ende ab.
eine praktisch unmögliche aufgabe für die, die nicht bereit
sind, diese reise zu machen.
in maria
m wird die poesie uns nahezu in den schlund gestopft, und
zwar ziemlich unverblümt, ohne "nachbarschaft",
sozusagen. das ist die neue poesie der 2000er jahre, eine verdichtung
von so apollonischer klarheit, dass nicht viel zu sagen oder zu
debattieren bleibt. die heideggersche poesie wird gleichsam
zurückgelassen. an ihre stelle tritt eine neue ausdrucksform mit
dem potential, die medien des neuen zeitalters zu aufzuschrecken, ja
zu sagen: "ihr könnt mich alle mal."
das
allegorische "singen" sind heute die digitalen signale, die
jede chance auf menschliche vereinigung zunichte machen und uns, als
wär’s ein kinderspiel, auf gewisse weise nach 1914
transportieren. frey eliminiert die im wind flatternden schriften,
und warnt uns, wie gefährlich es tatsächlich ist, den
anfang und das ende einer sache zu ignorieren.
teil zwei: heidegger, aus der erfahrung des denkens
drei gefahren drohen dem denken.
2.
die böse und darum schärfste gefahr ist
das denken selber.
es muss gegen sich selbst denken,
was es nur selten vermag.
ich muss
mir maria m noch einmal ansehen und mir meine reaktion
auf diese erfahrung vergegenwärtigen. es war eine zwiespältige
erfahrung, bei der ich mich zwischen der schönheit der
komposition und meiner reaktion als mann darauf verhedderte. ich
begann also über das gesehene nachzudenken, und darin bestand
das grundsätzliche hindernis. ich dachte über diese arbeit
politisch nach, und konnte das gesehene nur nach den maßstäben
eines liberal eingestellten amerikaners bewerten. dennoch wurde ich
das gefühl nicht los, dass ich etwas gesehen hatte, wie es mir
nie zuvor begegnet war, und ich war tief verstört, so wie
damals, als ich 1978 in los angeles einer aktion von nitsch
beigewohnt hatte. mein denken konnte das nicht bewältigen, in
kleinster weise. das ist der augenblick, in dem ich gegen mich selbst
denke, und der grund warum ich ein verfechter des nicht zu viel über
kunst nachdenkens bin. freys fähigkeit, mit ihrer kunst die
grenzen des papiers zu überwinden (was für eine leistung!)
stach mir ins herz, und ich ertappte mich plötzlich dabei, wie
ich nach etwas rang woran ich mich festhalten konnte, da ich mich
selbst als ruhepol verloren hatte. freys geniales können, ein
thema darzustellen und den betrachter davor NICHT ENTKOMMEN zu
lassen, wurde mir schmerzlich bewusst. ICH KONNTE NICHT DENKEN. und
wenn ich dachte, starrte ich in einen unausweichlichen abgrund. dies
war die quintessenz des gegen sich selbst denkens, ähnlich dem
was ich erfahren hatte, als ich das original von pollacks blue
poles in paris sah.
und
wieder, ich kann nicht denken, ich kann nicht argumentieren, ich kann
keine auf vernunft basierende erklärung für meine
körperliche reaktion auf dieses werk finden. ich lief gefahr,
eine denkweise anzunehmen, die zwar nicht meine, aber für meine
amerikanische konditionierung typisch war. doch das wäre falsch
gewesen, weil es den kern der sache verfehlt hätte.
die
phänomenologie kennt ein noema und dessen zugriffspunkt
durch noesis. abseits des denkens ist sie das bewusstwerden
über das grundsätzliche der gegebenheiten. das ist nicht
wahrnehmung, sondern die ursprüngliche und unmittelbar
lebendigen erfahrung der erschütterung. das leben besteht nicht
aus einer folge von gedanken; unsere gedanken sind eine folge unserer
gelebten erfahrungen. in der kunst sind diese gelebten erfahrungen
GEFÜHLE, nicht gedanken. heidegger hat recht, wenn er auf die
gefahr des denkens hinweist; was er verschweigt ist notwendigkeit zu
FÜHLEN. das holt er später nach.
teil drei: heidegger, aus der erfahrung des denkens
drei gefahren drohen dem denken.
3.
die schlechte und darum wirre gefahr ist
das philosophieren.
ich habe
magdalena frey durch zufall entdeckt. ich war in wien unterwegs, um
kunst von, unter anderem, cibulka, ihrem mann, zu kaufen. ich hatte
keine ahnung was für eine entdeckung ich bei einem treffen mit
ihm machen würde. cibulka kannte ich seit 1978 flüchtig;
dass magdalena frey seine frau war, wusste ich nicht.
als
cibulka und ich uns schließlich in wien trafen und er so nett
war, mich zu sich nach hause zu fahren, war ich vor allem an seinem
frühen werk interessiert, den vierteiligen, aus seiner leica
stammenden bildgedichten. er hatte die freundlichkeit, mir sein
museum in der nähe von mistelbach zu zeigen. als ich es mir
ansah, wurde mir bewusst, dass er mit photoshop arbeitete, um
seine narrativen möglichkeiten zu erweitern. was ich in seinem
museum sah, bewegte mich zutiefst: es waren bilder, wie ich sie
bereits von einem „klassischen“ cibulka kannte, aber
digital miteinander VERWOBEN wodurch ein gedankenfluss über
meter von bildfläche hinweg zustande kam. das ganze erinnerte
mich an nitschs sechstagespiel, die mittenächtlichen
prozessionen zu den weinkellern. an dieser stelle sei gesagt, dass
kein künstler der welt das weinviertel um prinzendorf besser
dokumentiert hat, die art und weise auf die diese region das herz
jener berührt, die für eine panpoetische erfahrung bereit
sind.
als ich
dann bei ihm zuhause war, bemerkte ich sofort fotos, die nicht von
ihm waren. ich war verwirrt, aber auch glücklich auf etwas
gestoßen zu sein, nach dem ich suchte. dann traf ich frey, die,
wie ich herausfand, eines der besten mittagessen meines lebens
zubereitet hatte.
ich
erfuhr, dass die bilder, die mir aufgefallen waren, von frey waren.
ich war wie im rausch. jetzt befand ich mich auf einer neuen mission
zur entdeckung neuer kunst.
nach dem
essen führen sie mich durch ihr haus und den ausstellungsraum,
wo ich zum ersten mal die gelegenheit hatte, die arbeiten von frey
und cibulka voll auf mich wirken zu lassen. ein wunderbarer raum in
dem die ansätze beider küster deutlich ineinander fließen.
freys arbeit, wie sie in diesem raum ausgestellt war, traf mich wie ein bauchschuss. ich empfinde die beschneidung von frauen als eines der schlimmsten dinge im leben, und obwohl frey diese monstrosität nicht direkt auf einem foto darstellt, brachte maria m das thema zur sprache, ich war am boden. die beschneidungsbilder sagten alles, was man je an einem ort der zusammenkunft über dieses thema sagen könnte.
es ist diese neue art beziehungen herzustellen, die mich an den arbeiten magdalenas so fasziniert. mein instinkt, die fotoarbeiten poetisch zu absorbieren, versagt hier. dieses essentielle material macht eine andere art der annäherung nötig, ähnlich dem was bono ausdrückte als er bemerkte, bei den beat-dichtern werde die „sprache zur nahrung.“
freys bilder möchte man am liebsten berühren. man möchte den finger eines jungen mädchens in rome liebkosen, oder die skulptur in manchen teilen von maria m streicheln. was meine leidenschaft für dieses werk entfacht ist dieses verlangen nach kontakt, danach, dem etikett aus worten zu entkommen, mit denen es so schwer fällt eine bestenfalls erste einleitung zu geben. überflüssig ist dieses gewisse philosophieren, das die bedeutung erstickt, anstatt sie zu klären.
dieses verlangen nach berührung ist aus der lust nach dem FÜHLEN geboren. endlich mit einem kunstwerk zu verschmelzen können, ohne unbedingt in der lage zu sein, es mit einem poetischen wortschwall umschreiben zu können. das kommt wohl zum teil davon, dass freys thematik meine seele zum schwingen bringt, und das hat nicht immer etwas monumentales an sich. das gefühl ist etwas privates, intimes, es eignet sich glaube ich nicht immer dazu, eine öffentliche erklärung zurechtzuzimmern, die es möglicherweise geben kann, aber nicht geben muss. bei frey findet sich alles, was es für eine reinigende erfahrung bedarf. IHR WERK LÄSST MICH FÜHLEN, und ich kann mich an diesem fühlen nähren. und das ist eine großartige leistung.
es gibt bei frey einzelne stücke, auf die ich nicht in dieser weise reagiere, aber es sind nur einige wenige. und ich muss auch sagen, dass es nur einige wenige künstler gibt, auf die ich überhaupt auf diese weise reagieren kann. es gibt kaum kunst, die mir in die eingeweide fährt. magdalenas kunst tut das.
ich bin tatsächlich der überzeugung, dass magdalena frey die photographie von den denkkrücken und der philosophie als hülle befreit hat. während sie weiterhin die welt um sich erkundet, werden die jene unter uns, die hin und wieder einen schlag in die magengrube vertragen, voll auf ihre rechnung kommen.
11. märz 2007
(Übersetzt aus dem Englischen von Yvonne Schmickl)